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Die durchlöcherte Turmkugel

 
Wussten Sie schon, dass es in Markersdorf - außer dem bekannten, allen zugänglichen Dorfmuseum - in luftiger Höhe noch ein zweites, weniger leicht zu erreichendes kostbares "Minimuseum" gibt ?

Man sieht es täglich von außen, aber sein "Innenleben" präsentiert es der Öffentlichkeit nur alle Jubeljahre. Es ist die vergoldete Turmkugel der Markersdorfer Kirche. Als sie im Mai 1977 im Rahmen der Turmrenovierung aus 34 m Höhe über das Baugerüst herabgehievt wurde, waren wir nicht wenig erstaunt, was da aus dem durch Wind und Wetter unansehnlich gewordenen Metallgehäuse alles zu Tage kam: Wertvolle Schriftdokumente aus fünf Jahrhunderten (ab 1635), zusammengerollt in einer Kupferschatulle, Zeitungsausschnitte aus dem Kaiserreich und der Weimarer Republik, mittelalterliches Silbergeld, Wendenpfennige, Goldtaler, Münzen aus dem 19. Jahrhundert und jede Menge Inflationsgeld in Milliardenhöhe! Letzteres hatte sich sogar trotz des minderen Geldwertes als besonders nützlich erwiesen, da es schwammartig die wertvolleren anderen Dokumente vor der eindringenden Nässe bewahrte.

Besonderes Interesse erregten bei der Besichtigung der Schätze drei erbsengroße Löcher in der Kugel und der Kupferschatulle sowie entsprechende Löcher in den Schriftdokumenten - Schussspuren aus einer Handfeuerwaffe vom Ende des 2. Weltkriegs. Wo aber blieb das 4. Loch, wie man es bei 2 Durchschüssen eigentlich hätte vermuten müssen? Die Antwort gab ein Kalaschnikow-Projektil, das in der ersten Zeile des wichtigsten Dokuments aus der Napoleonzeit stecken geblieben war und nun mit in der Kugel "verewigt" ist - zur bleibenden Erinnerung an die bösen Kriegsabenteuer des 20. Jahrhunderts und zur Mahnung an die Nachwelt, derartige Torheiten nicht noch einmal zu wiederholen.

Zur Vermeidung künftiger Nässeschäden musste dann übrigens die alte Kugel durch eine neue ersetzt werden. Die originalgetreue Kopie fertigte in gleicher Größe (65 cm Durchmesser) und Form die Schirgiswalder Kupferschmiedefirma Winter an.

Den alten Schätzen wurden in reicher Fülle neue hinzugefügt aus dem Zeitraum 1933 - 1977: Chronikberichte, Zeitungsartikel, Münzen, Geldscheine (auch aus Tschechien und Polen), nicht zuletzt auch in Folie eingeschweißte Fotos des damaligen Gemeindekirchenrates, des Posaunen- und Kirchenchores und der kirchlichen Mitarbeiter.

Zu den Kuriositäten dieser musealen Sammlung gehören u.a. ein Deutsches Mutterkreuz von 1935, gestiftet von einer älteren allein stehenden Dame, und ein SED-Parteiabzeichen, das ein vom realen Sozialismus enttäuschter Genosse buchstäblich fünf Minuten vor Schließung der Kugel als sein "Opfer für eine gute Sache" darbrachte.

Die Namen der beiden inzwischen verstorbenen Mitbürger werden nicht genannt. Wen's trotzdem interessiert, der komme bei der nächsten Öffnung des "Turmknopfes" wieder! Mit der dürfte aber vor Ablauf eines halben Jahrhunderts kaum zu rechnen sein....

W. Baier, Pf.i.R.